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woxx  |  01 05 2015  |  Nr 1317
REGARDS 9
Ob Premierminister  oder Journalist, jeder  möchte die alten  Klassenfotos sehen. Und  alte Bekannte treffen -  nicht nur auf Facebook,  sondern auch vor Ort, 
im Roeserbann.
den „Buet“ oder über Facebook erfah- ren haben.
Die neben den alten Klassenfotos angebrachten erklärenden Notizen verbinden lokalgeschichtliche Fakten mit skurrilen Anekdoten. Aus dem Deliberationsregister stammt die Ge- schichte von Pfarrer Neuens, dem 1885 vorgeworfen wurde, beim Religi- onsunterricht zu überziehen, so dass die Suppe schon kalt war, wenn die Kinder nach Hause kamen. Ein Jahr später wurde landesweit der Religi- onsunterricht auf zwei Stunden die Woche verkürzt ... außer in Biwingen: „Um Pfarrer Neuens entgegenzukom- men, darf er drei Stunden abhalten, muss dafür aber die Kinder um 11 Uhr nach Hause gehen lassen.“
René Ballmann geht es darum, die kollektive Erinnerung des Roeser- banns zu bewahren. Mit diesem Pro- jekt hofft er, seinen Mitbürgern den Wert dieses Unterfangens vor Augen zu führen - „damit bei der nächsten Räumaktion nicht alle alten Doku- mente und Fotos auf den Müll wan- dern“. Doch mit dem Sammeln alter Objekte ist es nicht getan, man muss sie auch in einen Kontext setzen kön- nen. „Die alten Klassenfotos sind nett, aber was ist ein Foto ohne die Namensliste?“ Dank Facebook wur- den die alten Fotos zum Leben wie- dererweckt, alte Bekanntschaften per
Chat wiederbelebt, um manchmal in ein Wiedersehen „face to face“ zu münden.
Die Vorstellung, das Internet sei etwas Schädliches, ist fast so alt wie mein Klassenfoto. Im Gymnasium mussten wir seinerzeit einen Aufsatz über die Gefahren der Telematik - so nannte man das damals - verfassen. Ich vertrat die These, die Virtualisie- rung der menschlichen Beziehungen führe nicht notgedrungen zu Ober- flächlichkeit und Vereinsamung. Projekte wie die lokalen Facebook- Gruppen und die aus ihnen hervor- gegangene Roeser Ausstellung be- stätigen mein Aufsatz-Argument: Die Menschen haben die Möglichkeit zu wählen. Gewiss, sie können Compu- ter und Internet als Schutzwall vor der Realität zu nutzen - aber auch als zusätzliche soziale Vernetzungsmög- lichkeit, die dann auch zu neuen Be- kanntschaften und Freundschaften in der realen Welt führt.
Wer bin ich?
Mit seiner Bitte, zu den Klassenfo- tos die Namen anzugeben, hat René Ballmann den Prozess in Gang ge- bracht. Manche hat das „Fahndungs“- Fieber so gepackt, dass sie alle tech- nischen Möglichkeiten einsetzen. Bei einem der Fotos hat Nicole den Na-
men des Jungen vergessen, erinnert sich aber daran, wie dessen Vater aussieht und stellt ein Bild von ihm online. „Das ist M. D.“, postet Gilles, und Denise erinnert sich prompt: „Der Junge ist P.“ Bei einigen Fotos kom- men auch weniger gute Erinnerungen hoch. „Die hat ‚Pouten‘ ausgeteilt“, wird das Foto einer Lehrerin kom- mentiert - also Schläge mit dem Lineal auf die Handflächen. „Ich hab‘ auch welche bekommen, das war damals so“, tröstet eine Leidensgenossin.
Im Festsaal der Gemeinde herrscht am Sonntagnachmittag Gedränge - ein Erfolg für die Organisatoren. Die Be- sucher grüßen sich freundlich, und beim gemeinsamen Studieren eines Fotos beginnt man sich zu unterhal- ten. Die ältere Dame im Sonntagskleid neben meiner Schwester - ach ja, das ist die Mutter ihrer besten Schul- freundin. Dann stürmt eine Frau auf uns zu, grüßt uns freundlich, „Man erkennt sich wieder!“ Es ist K., eine Klassenkameradin, die wir lange nicht mehr gesehen haben - so muss sie ihren Vornamen selbst nennen. „Mit der Brille siehst du ganz anders aus“, stellt meine Schwester fest. Ge- meinsam studieren die drei Frauen das Foto der Vorschulklasse, versu- chen, die Namensliste unter dem Bild zu ergänzen. Am Ende fehlen nur noch drei Namen. Neun waren zuvor
auf Facebook zusammengekommen, zehn weitere wurden während der Austellung ergänzt - von mindestens fünf verschiedenen Besuchern, wie die Handschriften belegen.
Später setzt sich meine Schwes- ter zu K., plaudert und gibt ihr ihre Postanschrift - damit die Einladung zum nächsten Konveniat klappt. Ich habe ein paar alte Bekannte getroffen, doch niemanden aus meiner Klas- se, schade. Allerdings bin ich beim Essen am Sonntag mit netten Leuten ins Gespräch gekommen, die ich vor- her nicht kannte. Die Unterhaltung mit René Ballmann war gewiss auch eine andere Art Gespräch als seiner- zeit in der Ferienkolonie, an der er als Begleiter und ich als Schüler teil- nahmen. Beim nächsten Versuch, virtuelle und reale Welt zusammen zubringen, bin ich jedenfalls dabei. Auch, um mitzuhelfen, dass mög- lichst viele in alle Winde verstreuten ehemaligen Roeserbänner Schulkin- der den Sprung durchs Bildschirmglas vollziehen.


































































































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