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14 REGARDS woxx  |  10 04 2015  |  Nr 1314 INTERGLOBAL
TÜRKEI
Verschenkte Möglichkeiten
Sabine Küper-Büsch
Die türkische Regierung plant den Bau von drei Atomkraftwerken.
Das scheint machtpolitische
Gründe zu haben, denn das Land verfügt eigentlich über optimale Bedingungen für die Nutzung alternativer Energien und könnte damit sogar zum Exporteur werden.
Um etwa halb elf ging am 31. März plötzlich das Licht aus. Ungewöhn- lich ist das nicht in Istanbul. Doch kaum jemand in der Stadt ahnte, dass der Stromausfall fast das ganze Land lahmlegte. In Istanbul kam der U-Bahn- und Straßenverkehr zum Er- liegen, Reisende saßen in den Wag- gons fest. Auch in Ankara stoppten die Bahnen, in Fabriken musste die Produktion eingestellt werden. 80 von 81 Provinzen waren betroffen. Seit dem schweren Erdbeben von 1999 hat es in der Türkei keinen ähnlichen Vor- fall gegeben.
Die Erklärungen sind beunruhi- gend. Zunächst schloss die Regierung auch einen Anschlag nicht aus. Das Energieministerium bildete einen Krisenstab. Der Energieminister Ta- ner Yıldız mutmaßte, auch ein Cy- beranschlag sei denkbar. Nach etwa anderthalb Stunden meldete der tür- kische Netzbetreiber Teias, in jeweils 15 Prozent von Istanbul und Ankara sei die Stromversorgung wiederherge- stellt worden. Weite Teile des Landes mussten jedoch weiter ohne Strom auskommen. In manchen Stadtteilen Istanbuls brannten bis spät in die Nacht Kerzen in den Wohnhäusern. Insgesamt sei ein Schaden von min- destens 700 Millionen Dollar entstan- den, erklärte Yıldız. Nur im ostanato-
lischen Van gab es Strom, dort kommt die Energie aus dem Iran.
Angesichts der staatlichen Ratlo- sigkeit erstaunte die Erklärung, die erst zwei Tage später die Öffentlich- keit erreichte. Ein sogenannter Domi- noeffekt soll verantwortlich gewesen sein. Bereits in der Nacht auf Dienstag habe es um ein Uhr morgens einen Ausfall in einem Kraftwerk bei Izmir an der Ägäis-Küste gegeben. Dann fiel um zehn Uhr am Dienstag das Ther- malwerk in der südostanatolischen Provinz Hatay an der syrischen Gren- ze aus, 40 Minuten später versagte das Wasserkraftwerk am Tigris. Der Verband Europäischer Übertragungs- netzbetreiber (Entso-E) soll mitver- antwortlich sein, das System habe sich bei dem Absturz des gesamten türkischen Stromnetzes ausgekoppelt, teilte das türkische Energieministeri- um mit.
Eentso-E ist ein organisatorischer Zusammenschluss von verschiedenen Übertragungsnetzbetreibern, das aller- dings keineswegs die Funktion eines automatischen Notstromaggregats ein- nimmt. Elektrische Energie zwischen den verschiedenen Verbundnetzen kann nur in vergleichsweise geringem Umfang ausgetauscht werden. War- um aber das gesamte türkische Netz komplett ausfiel, konnte niemand wirklich erklären. Auf Facebook und Twitter fragten sich viele Nutzer, wie denn die Türkei die geplanten zwei Atomreaktoren sicher betreiben wol- le, wenn nicht einmal das konventi- onelle System überschaubar sei. Prä- sident Recep Tayyip Erdog˘an hingegen verkündete noch am Tag des Strom- ausfalls, die Türkei müsse aufgrund
ihres großen Bedarfs noch ein drittes Atomkraftwerk bauen.
Der Stromverbrauch im Land hat sich im vergangenen Jahrzehnt von 130 Milliarden auf 240 Milliarden Ki- lowattstunden nahezu verdoppelt. Damit ist die Türkei nach China das Land mit dem zweithöchsten Nach- fragewachstum bei Erdgas und Strom. Einen Tag nach dem Stromausfall stimmte das türkische Parlament für die Errichtung der zweiten Atomanla- ge in Sinop an der Schwarzmeerküste. Damit ist die rechtliche Grundlage für den Bau gegeben, mit dem vor zwei Jahren ein japanisch-französisches Konsortium beauftragt wurde.
Das Kraftwerk in Akkuyu an der Mittelmeerküste wird ausgerechnet von Rosatom gebaut, dem umbenann- ten russischen Nachfolger des sow- jetischen Atomministeriums, das für die Katastrophe von Tschernobyl ver- antwortlich war. Türkische Atomkraft- gegner atmeten auf, als Rosatom Ende März mitteilte, das Kraftwerk werde nicht vor 2023 fertig gestellt werden.
Das türkische Nuklearprojekt ist höchst umstritten. Der Verband der türkischen Umweltingenieure bemän- gelte im Dezember vergangenen Jah- res, die Entsorgungsfrage beim ersten geplanten Atomkraftwerk des Landes in Akkuyu sei ungelöst. Die Brenn- stäbe für das Kraftwerk sollen aus Russland geliefert werden, sie müss- ten nach ihrem Einsatz in Akkuyu aber fünf bis zehn Jahre zwischenge- lagert werden, bevor sie wieder nach Russland zurück transportiert werden können. Es sei völlig unklar, wo und wie die Brennstäbe in dieser Zeit gela- gert werden sollten und ob Russland
die Brennstäbe wirklich wieder zu- rücknehmen werde, stellten die Um- weltingenieure fest.
Das Kraftwerk in Akkuyu soll über vier Reaktoren mit einer Gesamt- leistung von 4.800 Megawatt verfü- gen. Atomkraftgegner protestieren seit Jahren gegen das Projekt mit einem Volumen von 20 Milliarden Dollar, ohne bei der Regierung Gehör zu fin- den. Das türkische Umweltministe- rium hatte anlässlich eines Besuchs des russischen Präsidenten Wladimir Putin in Ankara am 1. Dezember ver- gangenen Jahres die Umweltverträg- lichkeit des Vorhabens bestätigt. An der Mittelmeerküste vertraut kaum jemand darauf.
Der Stromverbrauch in der Türkei hat sich im vergangenen Jahrzehnt nahezu verdoppelt.
Tief im Süden der Türkei, nur 270 Kilometer Luftlinie von der Touristen- hochburg Antalya entfernt, liegt das Dorf Akkuyu. Nur 25 Kilomter ent- fernt verläuft eine Verwerfungslinie durch das Mittelmeer. Das ist eine Spalte im Meeresgrund, an der es ver- stärkt zu tektonischen Bewegungen kommt. Immer wieder bebt die Erde direkt vor der Küste von Akkuyu. Der Geologe Sinan Özeren von der Istanbuler Technischen Universität hält den Bau eines Atomkraftwerkes dort für Wahnsinn: „Es besteht ein erhöhtes Erdbebenrisiko an der Küste gegenüber der Insel Zypern. Die Insel hat eine elliptische Form, fast wie ein


































































































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