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10 REGARDS
woxx | 10 04 2015 | Nr 1314
KULTUR
ANgélique Kidjo
Große Musikerin aus kleinem Land
Willi Klopottek
Sie hat den afrikanischen Sound
in aller Welt verbreitet. Nun
bringt die Sängerin und Aktivistin Angélique Kidjo mit luxemburgischer Unterstützung ein neues Album heraus.
Eine große afrikanische Musikerin hat soeben ihre neue CD „Angélique Kidjo sings“ herausgebracht, begleitet wird sie auf ihr vom Orchestre Phil- harmonique du Luxembourg (OPL). Angélique Kidjo ist eine der weni- gen KünstlerInnen aus Afrika, die es geschafft haben, einen Bekannt- heitsgrad zu erreichen, der über den Kreis der eingefleischten Afro-/Welt- musikfans hinausreicht - bei ihr ist das schon seit Jahrzehnten so. Zwei Grammies für Weltmusik für ihr Album „Djin Djin“ (2007) und ganz aktuell für „Eve“ (2014) zeugen da- von. Bemerkenswert in ihrer Musik ist sowohl die stilistische Bandbreite als auch die stete Präsenz der afrika- nischen Roots. Manch anderer Musi- ker, der mit Jazz, Pop, Funk, HipHop experimentiert, lässt seine musika- lischen Wurzeln irgendwann hinter sich. Angélique Kidjo bleibt immer Afrikanerin.
Sie stammt aus Benin, einem klei- nen Land zwischen Nigeria im Osten und Togo und Ghana im Westen. Die Musik Benins ist von zahlreichen Sti- len beeinflusst. Aus der traditionel- len Richtung kommt die Musik des Voodoo oder Vodun, der von Afrika durch Verschleppung von Sklaven in die Karibik, speziell nach Haiti, und
auch nach Brasilien gelangt ist. Voo- doo ist eine alte Religion, die in Benin neben Christentum und Islam einen offiziellen Status besitzt. Vor allem die Polyrhythmik der Musik, die die Zeremonien des Voodoo begleiten, ist auch in der moderne Musik Benins
wiederzufinden. Musik aus Brasilien ist in Benin ebenfalls präsent, denn dort gibt es Bevölkerungsgruppen, die von Brasilianern abstammen. Nach der Abschaffung der Sklaverei in Bra- silien Ende des 19. Jahrhunderts kehr- te eine Reihe von Afrobrasilianern auf
©analog africa bandcamp
den Kontinent ihrer Vorfahren zurück, unter anderem nach Benin. Auch aus anderen Ländern Afrikas gelangte Musik nach Benin, wie der ghanai- sche und nigerianische Highlife, der aus ihm entstandene Afrobeat und die Rumba aus dem Congo. In den späten 1960er Jahren wurden die Mu- siker in fast ganz Afrika, so auch in Benin, von der schwarzen Musik aus den USA, von Soul und Funk infi- ziert. Angélique Kidjos Jugendfavori- ten waren James Brown und Aretha Franklin. Kein Wunder, dass daraus eine ganz besondere Musikmischung in diesem kleinen Land entstand, die jedoch über die Landesgrenzen kaum hinauskam. In den letzten Jahren gab es aber eine Reihe von Wiederveröf- fentlichungen von Schallplatten aus den 1960er und 1970er Jahren auf CD von spezialisierten Labels wie Analog Africa, Popular African Music und Soundway. Dort kann man die Gro- ßen Benins hören: Gnonnas Pedro, El Rego, Les Super Borgou de Parakou und vor allem das Orchestre Polyryth- mo de Cotonou, das vor einigen Jah- ren wieder zusammenfand und ins Studio ging.
Zwischen Voodoo und Afrobeat.
In diesem Orchester sang auch die junge Angélique Kidjo. Diese musika- lische Prägung durch ihre Heimat ist bei ihr bis heute zu spüren. In der biographischen Beziehung zu ihrer Heimat gibt es jedoch einen Bruch: Als junge Frau muss sie Benin verlas-
Zurück zu den Wurzeln: Momentan sind Neuauflagen der ersten Momente moderner Musik aus Afrika schwer im Kommen.

